Es ist schon ein Kreuz mit den Zähnen

Verdammt, das letzte Katzenpfötchen war eines zuviel. In dem weichen, klebrigen Lakritz ist auf einmal etwas festes, kantiges zu spüren. Statt herzhaft zuzubeißen, taste ich lieber vorsichtig mit der Zunge im Mund umher. Richtig, auf 3-7 fühlt es sich anders an als sonst – das Inlay ist raus.

So ein Mist. Freitag Abend, mitten in Paris, versagt mir die Kauleiste. Was tun? Ignorieren und bis Montagmorgen durchhalten, um dann zum eigenen Zahnarzt zu gehen? Die Gefahr, mir bis dahin die Zahnbasis kaputt zu beißen, erscheint mir recht hoch. Also lieber einen zahnärztlichen Notdienst suchen und mit Händen und Füßen erklären, was los ist.

Das Internet ist wie immer hilfreich und ich finde die Adresse vom Hospital Pitié Salpêtrière, das einen zahnärztlichen Notdienst anbietet. Ich beschließe, morgen vor den anderen aufzustehen, zum Zahnarzt zu gehen und mich dann anschließend in der Stadt mit ihnen zu treffen.

Allein im menschenleeren Krankenhaus

Am Morgen komme ich gut aus dem Bett und mache mich ohne Frühstück auf zum Hospital. Mit der Metro kenne ich mich inzwischen aus, 25 Minuten später bin ich am Krankenhaus.

Am Haupteingang spricht man nicht Englisch, nach Deutsch traue ich mich nicht zu fragen. Trotzdem verstehen wir uns rasch und ich erhalte eine Wegbeschreibung zum Notdienst. Am Gebäude angekommen, finde ich auf den Hinweisschildern dann aber keinen Eintrag für den Zahnarzt. Also aus dem Haus wieder heraus, einmal drum herum gelaufen und nach Schildern und anderen Eingängen gesucht: nichts. Habe ich die freundlichen Hinweise am Tor doch völlig falsch verstanden?

Zurück ins Gebäude, alle Türen sind offen, doch es ist hier menschenleer. Um die Uhrzeit am Sonnabend-Morgen kein Wunder, doch trotzdem fühlt sich das merkwürdig an. So ein bisschen wie im Endzeit-Thriller, alle sitzen im unterirdischen Bunker, nur ich laufe noch an der Oberfläche umher. Da! Endlich ein Lebenszeichen, eine Reinigungskraft wischt die Böden. Auch er spricht kein Englisch, doch mein Rest-Französisch reicht aus um zu verstehen, dass ich ins Nachbargebäude muss.

Pontius ist nicht zuständig, wo finde ich Pilatus?

Dort angekommen, finde ich einen Wachmann (kein Englisch) und drei weitere offensichtliche Notfall-Patienten. Zusammen mit dem Wachmann finde ich den richtigen Knopf am Nummernautomaten und harre der Dinge, die da noch kommen werden.

Nach ein paar Minuten Wartens wird meine Nummer aufgerufen und ich gehe zur inzwischen erschienenen Dame an der Rezeption (kein Englisch). Bilder sagen mehr als Worte und so ziehe ich das eingewickelte Inlay aus der Tasche, womit Ihr mein Behandlungswunsch klar wird. Sie entschwindet, vermutlich um Rücksprache mit dem Arzt zu halten.

Als sie zurück kommt, überreicht sie mir einen gelben Post-It-Zettel, den der Arzt (Englisch) ihr beschrieben hat. Für diese Art Behandlung sei man nicht zuständig, ich müsste zum S.O.S. Dentaire gehen, Adresse und Telefonnummer stehen auch auf dem Zettel. Immerhin, das ist ja mal eine Ansage.

Zurück auf der Straße suche ich die angegebene Adresse auf der Straßenkarte, zum Glück ist das nicht weit vom Krankenhaus entfernt. Zu Fuß werde ich vermutlich schneller sein, als mit der Metro dreimal umsteigen zu müssen. Also los.

Nach gut zwanzig Minuten Fußmarsch erreiche ich die Adresse und finde die Arztpraxis. Diese ist verschlossen, davor wartet ein Mann (kein Englisch). Wir radebrechen uns zusammen und ich erfahre, dass die Praxis erst um 09:30 Uhr öffnet und er um 09:45 Uhr einen Termin hat. Ob ich auch einen hätte? Nö, woher denn! Wird schon so werden, hoffe ich.

Fremdsprachenkenntnisse nur in der Touristik

Die Praxis öffnet pünktlich, darin erwartet uns eine junge Sprechstundenhilfe (kein Englisch). Als ich an der Reihe bin, erkläre ich mit Händen und Füßen und mithilfe des ausgewickelten Inlays mein Problem. Ich erhalte einen Vordruck mit meinem Namen darauf, den ich mit zum Arzt in das Behandlungszimmer nehmen soll. Dann warte ich.

Das Wartezimmer füllt sich allmählich und soviel Französisch verstehe ich immerhin, alle Patienten haben einen Termin. Das Telefon klingelt regelmäßig und wenn mich meine Sprachkünste nicht täuschen, vergibt die Sprechstundenhilfe inzwischen Behandlungstermine am frühen Nachmittag. Meine Hoffnung, bald dranzukommen und den Rest des Tages dann doch noch mit Stadtbesichtigung verbringen zu können, schwindet. Die Zweifel vom Vorabend kommen wieder hoch, hätte ich nicht doch tapfer sein und auf die Rückkehr nach Deutschland warten sollen?

Inzwischen sind kurz nacheinander zwei Herren eingetroffen, die scheinbar die behandelnden Ärzte sind. Gleich darauf wird der erste Patient aufgerufen, der vor mir bereits wartende Mann. Dann wird eine Dame aufgerufen, die nach mir gekommen ist, aber eben einen Termin hat. Au backe, das kann ja was werden!

Terminvereinbarung in der Notfallpraxis?

Wieder vergehen ein paar Minuten, der französische Patient (Achtung, Wortspiel!) kommt aus dem Behandlungszimmer zurück und bezahlt an der Rezeption seine Rechnung in bar. Ein Aushang weist darauf hin, dass offene Rechnungen nur in bar oder mit Check zu zahlen sind, Karten werden nicht akzeptiert. Ich höre seinen Rechnungsbetrag und sehe ihn sechzig Euro abzählen. Ich stelle eine Hochrechnung im Kopf an, in der ich seine Behandlungsdauer und meine Vermutung über seine Beschwerden mit meinem eigenen Thema vergleiche und komme zu der Erkenntnis, dass ich vermutlich weit weniger zahlen werden und damit mein Bargeldvorrat ausreichen müsste. Wenn ich denn überhaupt mal dran käme.

Und dann kommt es, die Sprechstundenhilfe bricht sich an meinem ungewohnten Namen die Zunge und ruft mich auf. Ich gehe durch den Flur und betrete das Behandlungszimmer. Dort finde ich einen der vorhin erschienenen Herren, tatsächlich einer der Ärzte. Im besten Rest-Schul-Französisch weise ich ihn darauf hin, dass ich kein Französisch sondern nur Englisch spreche und er brummt eine Antwort, die ich keiner der beiden Sprachen zuordnen kann. Was soll’s, auch hier hilft das vorgehaltene Inlay, um mein Problem ausreichend zu erklären.

Ich darf mich auf den Behandlungsstuhl setzen, der Arzt prüft derweil mein Inlay. Anschließend fragt er mich im besten gebrummten Englisch („wiz french axent“) nach dem Ort des Geschehens in meinem Mund. Ich bin wenig irritiert, weil ich davon ausgehe, dass ein Blick in den selben ihm doch die Information liefern würde. Ist das vielleicht doch kein Zahnarzt, sondern ein Anstreicher im weißen Kittel? Ich antworte mit „tree-seven“, er schaut mich mit großen Augen an, erkennt in mir einen Insider, und wiederholt nickend „tree-seven, ok“.

Arzt müsste man sein

Dann geht alles schnell. Zahn trocken blasen, Inlay mit Kleber einstreichen und einsetzen, Watterolle drauf, zubeißen, warten. Es fühlt sich an, als wäre das Inlay schief drin, aber wie soll ich ihm das mit zugebissenem Kiefer sagen? Nach ein paar Minuten soll ich den Schnabel wieder aufmachen, die Watterolle kommt raus und ich soll ausspülen. Örks, im Becken sehe ich Zahnreste meines Vorgängers liegen! Pfui Teufel.

Das war’s, ich kann aufstehen und meine Jacke wieder anziehen. Derweil füllt der Arzt den Behandlungsbogen und die Rechnung aus. Ich staune nicht schlecht, die nicht einmal zehn Minuten Behandlung sollen mich 80 EUR kosten. Da war meine Hochrechnung wohl etwas zu niedrig ausgefallen! Nützt aber nichts, meine Sprachkenntnisse reichen nicht aus, um die Kalkulationsbasis zu hinterfragen und so zahle ich zähneknirschend (haha) die Rechnung.

Wieder auf der Straße fühle ich mit der Zunge das Ergebnis an. Das Inlay scheint doch richtig zu sitzen, es wackelt und klappert auch nichts. Doch um den Zahn herum fühle ich rauhe Stellen, scheinbar vom überschüssigen Kleber. So würde mich meine eigene Zahnärztin nicht gehen lassen! Ich grummele noch eine Weile über die Art und Umstände der Behandlung, insbesondere über das gefühlte Preis-/Leistungsverhältnis. Im Kopf überschlage ich den Stundensatz des Arztes und beschließe, meine eigenen Honorare für Beratung künftig mit mehr Selbstbewusstsein vorzutragen.

Mit dem Telefon mache ich mit meinen beiden Frauen unseren Treffpunkt aus und kann nach kurzer Zeit den Rest des Tages mit ihnen das Sight-Seeing fortsetzen. Notre-Dame habe ich nun zwar verpasst, dafür ist die Kauleiste wieder ganz.

 

 

Autor: Kai

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